Am Linden-Center

Birgit Szepanski, Berlin 2014

Die Tram M4 ist voll. Kati und ich finden nach ein paar Haltestellen noch zwei Sitzplätze am Fenster. Greifswalder Straße, Indira-Gandhi-Straße, Buschallee, Hansastraße, Falkenberger Chaussee – von Mitte nach Hohenschönhausen, das dauert nur etwas mehr als eine halbe Stunde. Und einiges ändert sich bei dem Blick aus dem Fenster der Tram: bürgerliche Wohnhäuser, eine Bruno-Taut-Siedlung, ein Autocenter, Fitnessstudios, Kfz-Werkstätten und Plattenbauten. Haltestelle Prerower Platz, da müssen wir raus. Die Plattenbauten sind mit braunen und gelben Fassadenplatten verkleidet. Auch hier soll es schön aussehen, hell und nicht so, als sei man in einem grauen Vorstadtgebiet. Hohenschönhausen: das klingt zunächst wie der Name einer deutschen Kleinstadt im Grünen und, umso subtiler ist das Wissen um die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und die sozialen Problematiken im Bezirk Lichtenberg.

Am Prerower Platz steht das Einkaufszentrum Linden-Center. Das einzige neue Gebäude inmitten der Plattenhaussiedlung: ein schlichter Betonbau, der mit farbigen Schriftzügen versehen ist: Grün, rot, gelb, orange, weinrot, türkis, schwarz / Galeria Kaufhof, Mediamarkt, Deutsche Post, Burger King, Ditsch, Douglas, Cinemaxx / Ich freu‘ mich drauf!, Ich bin doch nicht blöd!, Einfach. Immer. Überall, Bigger. Better. Burger King, Your partner in beauty, Mehr als Kino. Farbe, Schriftzug und Slogan: ein Groove.

Kati und ich stehen am Eingang des Linden-Centers und schauen auf die Fassade: „Was wollen sie mehr?“ lesen wir dort und neben diesem Schriftzug, auf einem Plakat, lächelt uns ein junges Paar an. Daneben wieder ein Slogan: „Weil das unser Center ist“. Jetzt lächelt Kati und ich lächle dann auch und wir gehen weiter, rechts am Linden-Center entlang, biegen in die Falkenberger Chaussee ein, weichen ein paar eiligen Passanten, die zur Tramhaltestelle wollen, aus und folgen einer Gruppe Jugendlichen mit Kapuzenpullis, zwei Frauen mit Kinderwagen, einem Mann mit Rucksack und einem Mädchen an der Hand, die alle den gleichen Weg wie wir einschlagen. Falkenberger Chaussee Ecke Wustrower Straße. Dort gibt es einen Parkplatz. Mittwochs ist hier Markt und an diesem Wochenende gastiert ein Jahrmarkt mit Kinderkarussell und Riesenrad. Der Duft von Karamell und heißem Fett zieht durch den blauen Oktoberhimmel. Und das Linden-Center hat heute, am Sonntag, von 13–18 Uhr geöffnet, ist auf einem Banner am Parkhaus zu lesen. „All inklusive“, „buy one and get two“, Slogans summen in meinem Kopf. Kati und ich gehen weiter und wollen Blicke von Passanten erhaschen, wenn diese Katis Bilder-Installation auf dem Grünstreifen vor dem Parkplatz entdecken. Junge Frauen mit Kindern, die rosa Zuckerwatte in der Hand halten, kommen uns entgegen, auch ein paar Männer mit Schirmmützen und dann läuft ein brauner, großer Hund über den Grünstreifen, schnuppert an den Blumenrabatten mit den leuchtend gelben Studentenblumen und rennt mit gesenktem Kopf wieder zu seinem Herrchen zurück. Keine Hasenfährte aufgespürt, scheint er damit ausdrücken zu wollen.

„Ist Kunst in Hohenschönhausen zu zeigen vielleicht schwierig?“, fragt Kati leise nach einer Weile. Und dann wird klar, die Frage ist berechtigt, weil, „wer von den Passanten bemerkt Katis vier Bilder, die sie an einen zehn Meter hohen Baugerüstturm gehängt hat? Kann es sein, dass die drei Meter mal zwei Meter großen Bilder nur den Menschen auffallen, die aus ihren Fenstern blicken und dann, von einem Tag auf den anderen, von einem blondhaarigen Mädchen im roten Träger-T-Shirt, einem schwarzhaarigen, lächelnden Jungen im rotem Pullover, einem androgynen Wesen im grasgrünen Kapuzenanzug oder einem rotnasigen, weißhaarigen Hasenkopf angeblickt werden? Gehören diese Bilder zum Linden-Center? Haben sie etwas mit den Himmelsrichtungen oder Jahreszeiten zu tun? Was machen diese Gesichter dort überhaupt?“, mag sich jemand fragen, der die Bilder entdeckt hat. Und: „Warum hat man das Gefühl, von ihnen angeschaut und beobachtet zu werden, obwohl ihre Augen ganz klein und eigentlich nur Punkte sind?“ Auf einmal sind das Mädchen, der Junge, das Kapuzenwesen und der Hase da und wirken auch hier, in Hohenschönhausen, so, als ob sie immer schon da gewesen wären. Vor dem Hintergrund der Plattenbauten und dem Funktionsbau des Linden-Centers nehmen sie ihren Raum ein. Die Figuren hat Kati im Halbportrait gemalt und vor den rechteckigen Fensterfronten der Plattenbauten wirkt es so, als ob die Figuren aus ihrem Bildformat in die Plattenhaus-Welt hineinschauen. Sie haben ein Gesicht, obwohl sie so wenig Gesicht zeigen. Sie könnten, so ihr stiller Slogan, auch wieder und quasi über Nacht verschwinden. Ist das ihr Geheimnis oder ihre Drohung? Eine Bewegung von einem Kleinkind in einem Buggy weckt Katis und meine Aufmerksamkeit. Das kleine Mädchen zeigt wortlos und unbemerkt von der jungen Frau, die es vorwärts schiebt, mit einer Hand nach oben. Der gemalte blaue Himmel, in den Kati ihre Figuren setzt, geht an diesem sonnigen Tag in einen blauen Herbsthimmel über. Das Kind sieht es vielleicht genau so: ein weißer Hasenkopf im Himmel. „Gibt es noch ein anderes Draußen? Wer ist eigentlich drinnen und wer draußen?“, frage ich mich jetzt.

„Wer bist Du?“, fragen Kinder andere Kinder und die Antwort ist meist nur die Nennung des Vornamens; was soviel heißt wie: ich bin jemand. Alle möglichen Fähigkeiten, Vorlieben und Eigenschaften scheinen dann in dem Namen und in der Art und Weise, wie er ausgesprochen wird, zu liegen. Für ein Kind genügt es manchmal, ein Ding nur mit seiner Objektbezeichnung zu benennen. Ein Stofftierhase ist so „der Hase“ und ist zugleich eine Hasenwelt. Diese umfasst vieles: Gefahren und Glück, Freunde und Feinde, Lust und Gemeinheiten, Neugier und Rückzug und ein Sich-in-seiner-Haut-wohl-und-unwohl-Fühlen und eben auch die Schwankungen, die mit diesen Gefühlen verbunden sind. Meist besteht nur ein schmaler Grat zwischen Gefühlen. Aus einer solchen Welt scheinen die vier Figuren, die Kati gemalt hat, fröhlich, grimmig, verschwiegen und selbstbewusst auf die Falkenberger Chaussee, die Plattenbauten und das Linden-Center zu schauen. Die Figuren sind ein wenig älter als die vorbei gehenden und geschobenen Kinder, die früher als die Erwachsenen die Veränderung im Straßenbild entdecken.

Kindsein, Teenagersein, tierähnliches und androgynes Wesen: Katis Figuren bewegen sich in einem Dazwischen. Als Gegenüber sind sie so faszinierend, weil sie ambivalente Eindrücke vermitteln: sie schweigen und verschweigen etwas, sie scheinen etwas über uns zu wissen, aber sie verraten nichts, sie schweben in einer himmelblauen Welt, die überall sein könnte und im nirgendwo liegt. In ihrer übergroßen Gesichtsmasse bleibt das Gesicht jeweils nur angedeutet: kleine Augen, die in die Welt blinzeln oder lugen; ein schmaler Mund oder ein Schlund, in den Worte hineinzufallen scheinen; Haare, die im Gesicht kleben oder sanft hinwegwehen; Ohren, die phänomenal abstehen oder klein und zart erscheinen. Vor den Plattenbauten wirkt der Baugerüstturm mit diesen vier Figuren wie eine autonome Siedlung und eine Behauptung für etwas, das anders ist als die Hochglanzwelt der H&M-Plakate, die wir auf der Tramfahrt zurück nach Mitte auch sehen. Das Mädchen, der Junge, das Kapuzenwesen und der Hase scheinen wirklicher zu sein als die aus Pixeln bestehenden Gesichter der Models auf den Werbeplakaten, sie scheinen etwas mit uns zu tun zu haben und zu machen.

 

Der Text erschien anlässlich des Projektes „Bilder für Neu-Hohenschönhausen“


The World According to Barath

Kenji Kubota, Independent Curator, Tokyo

The present world is filled with anxieties. These feelings of anxiety that we have may vary depending on the country or region in which we live, or on the ethnic group to which we belong. But what we have in common are the facts that what we had believed in no longer reflects the absolute truth, and that we are unable to determine the exact position of where we stand in a much-too-complicated world. Confidence in every ideology and idealistic vision about the progress of civilization has crumbled and amid the highly advanced information-oriented society, the real world has become a flat, homogeneous projection on a screen. As we have lost the sense of reality of our existence, we are at a loss not knowing how to conceive an optimistic vision of the future, or how to confront the emptiness in the real world. Such feelings of insecurity are charged with the potential of extremist (fundamentalist) intolerance and exclusionist violence against other countries, ethnic groups and religions that are now occurring around the world.

Kati Barath is one of the artists that most eloquently articulates such anxieties that pervade the present world. At a glance, her colorful pictures seem pure and innocent, like a scribble by a small child. However, when the viewer stands in front of the huge canvas, he/she will notice the anxiety and violence that lurk behind the surface. A good piece of artwork always carries a multiple range of meanings, leading to a number of different interpretations. Barath’s paintings are indeed no exception, for example, her snowman and animals (rabbits, dogs, monkeys, etc.) are all humorous and full of life. The joy in creating the pictures, just as a child immerses himself/herself in drawing a picture, can be felt. The somewhat clumsy but humorous characters might remind oneself of a close acquaintance, or one might associate them with comics or other sub-cultures. Even as we engage in such thoughts, anxiety and violence creep into our minds. This quality is particularly prominent in a series of her portraits. The boys, the girls or men whose upper bodies are depicted, all convey an empty and lonely feeling. The feeling is as though it were the anxieties and exasperation over what cannot be perceived by a single tangible image, while fragments of consciousness and thought come and go like waves on the seashore. We are able to catch a glimpse of how the darkness of the aforementioned anxieties and violence that people harbor function as a potential and essential factor in the portraits she depicts. Whether consciously or unconsciously, what we see lurking behind the large, bright canvas is today’s crisis of individuals in that respect. The brighter the canvas, the more the darkness hangs over like a haunted spirit.

Barath is by no means merely depicting the crisis of individuals. The material known as ‘caulking’, which is characteristic of her works, wriggles through the flat surface as if to create cracks in the standardized world of reality. By creating such noise on the canvas, Barath is trying to recover the reality, which is fading away. The pictures of a bathing dog, a face of a man in the water, legs of a woman standing in the water, etc., also seem like an attempt to recover the sense of reality by the physical act of making contact with water. She is intuitively aware of the fact that violence in humans is not an inherent quality that human beings are born with, but that it derives from the present state of insecurity. By reconstructing reality from the physical level, through the retina and the sense of touch, she may be attempting to overcome violence with humor as well.

It is the restoring of confidence in everyday life, or in other words, it is an old and yet new theme of rediscovering beauty by taking another look at the familiar faces and things that exist around us. Where Pop Art portrayed the advent of mass-consumer society by making references to images that were widely known, Barath uses anonymous and personal images that are in direct contrast. By doing so, she successfully portrays the effects a mass-consumer society has on us and presents a method to confront the consequences.

The greatest appeal of her paintings is that she perceives through intuition and imagination the real world that cannot be articulated by words (the intellect). Barath is able to convey discreet nuances and tremors of emotion that can only be expressed by her paintings. When there are more people who are able to relate to the multifaceted world of Barath, the world should become a brighter place.


Vorwort

zu „Heike Kati Barath. o.T.“, Ausst.-Kat. Columbus Art Foundation, Leipzig und Magazin4, Bregenzer Kunstverein Texte von Wolfgang Fetz und Jörg van den Berg, Revolver Publishing, Berlin

Dr. Wolfgang Fetz, Magazin4 – Kunstverein Bregenz

Ich kann mich nicht mehr erinnern, in welchem Zusammenhang ich den Satz von Michel Leiris gelesen habe. Aus kaum rekonstruierbaren Gründen fiel er mir wieder ein, als ich zum ersten Mal mit Bildern Heike Kati Baraths konfrontiert war – oder, wahrscheinlich präziser, von ihnen „überfallen“ wurde: „Es gibt Skulpturen, die nach dem Piedestal verlangen, andere laden zu obszönen Kritzeleien ein …“. Nun, mit dem „Piedestal“ hätte das (ich weiß nicht aus welchen Tiefen) herbei imaginierte Pandämonium Baraths mit ziemlicher Sicherheit sein Problem. Und obszöne Kritzeleien?

Vielleicht hatte meine Assoziation mit dem erstaunlich ausdifferenzierten Repertoire an Arten&Weisen des „Lächelns“, des Spiels der formbaren „Münder“ zu tun. Ein Spiel, das HKB mit scheinbar größter Leichtigkeit in die Gesichter ihrer kindlichen, jedenfalls vorpubertären Bildbevölkerung zu zaubern imstande ist. Allein damit ließe sich ein eindrucksvoller Bilderatlas produzieren, dachte ich mir. Für jeden, der an Fragen der Physiognomie interessiert ist, ein wahres Fest. Diese Beobachtung lässt sich übrigens auch leicht auf die Weise, wie Barath Augenpartien zum Spektakel macht, ausdehnen. Gut, in Gesichtern von Erwachsenen könnte derartiges Lächeln, derartiges Blickspiel zwischen grausamer Indifferenz, blöder Verschmiertheit und Infantilität obszönen Kommentar provozieren. Aber Hineinponderiert in Kindsgesichter?

Darüber sollte man freilich nicht übersehen, mit welcher malerischen Raffinesse und gleichzeitigen Reduziertheit und Effizienz die Künstlerin dies alles in Szene setzt. Ihre „peinture“ ist raffiniert, um nicht zu sagen „delikat“ (ihr malerisches „tracing“, ihre insistente Frontalität). Über den unmittelbarsten, den augenscheinlich stärksten Effekten dieser Malerei, die eher inhaltlicher, psychologischer Natur sein dürften (und die auch mich aufs erste Ansehen magnetisiert haben), mag man diesen Aspekt zunächst übersehen. Allerdings bin ich der Überzeugung, dass HKB Malerin in einem eminenten und genuinen Sinn ist. Ich denke, an ihrem Beispiel ließe sich ein veritabler Diskurs über Malerei als Malerei führen (sozusagen als Parallelaktion zu all den sich vordrängenden Psychologismen).

Wie immer, es sind genau die heftigen Ambivalenzen (sie sind das Dogma von HKB), die, mitunter in Schwebe gehalten, in anderen Fällen in drückende Spannungsverhältnisse gesteigert, die Qualität dieser Arbeiten ausmachen. Das Groteske (oder ins Groteske kippende) steht unverfroren neben dem Naiven, das Unverhohlene schillert zwischen Brutalität, Bedrohlichkeit und Sentiment. Die prämoralische Unverdorbenheit, die manches Personal der Bilder ausstrahlt, wird skandiert von einem Leitton, der aus „Der Herr der Fliegen“ stammen könnte. Charaktere jenseits von Gut und Böse vor leeren oder nur gering akzentuierten Landschaften.

Im „Laokoon“ von G.E. Lessing findet sich die Denkfigur des „prägnantesten Augenblicks“. Da die Malerei keine Zeitkunst ist, also sich auch nicht in der Zeit entwickeln kann, kommt sie nicht darum herum, den richtigen, superlativischen Punkt einer Handlung zu fixieren. Und der liegt knapp vor dem eigentlichen Höhepunkt (der Historie). Nicht davor und nicht danach. Die Imaginationskraft braucht genau diesen Spielraum. HKB ist alles andere als eine „Historienmalerin“, aber, intuitiv, kalkuliert, bringt sie ihre Geschichten auf den „Lessingschen-Punkt“. Ihre (physiognomische) Szenographie ist genau zwischen dem: „Was ist vorausgegangen?“ und dem „Was kommt?“ angesiedelt. Jene knappe, jene inkorrekte Sekunde. Durchgangsritus, Halluzination, Abyss und Albtraum zugleich. Zu den Lieblingsbüchern und -filmen von HKB gehören bezeichnender Weise: „Es geschah am helllichten Tag“, „Mein Freund Harvey“, „Brasil“, Wilhelm Hauffs und Grimms Märchen, „Alice im Wunderland“, „Der Fänger im Roggen“.

Flaubert war der Ansicht, dass „das Leben nur unter der Bedingung zu ertragen (ist), dass man nicht daran teilnimmt.“ Wahrscheinlich hatte er damit Recht. Aber wie kommt man schon „aus“, als Lebender? Das ist, wenn ich es recht sehe, die Frage von HKB, die Frage ihrer Malerei. Sie nimmt teil.

 

Text zu „Heike Kati Barath – o.T.“, Berlin 2009, Revolver Publishing, 128 Seiten, zahlr. Abb., 32 x 23,5 cm, broschiert, ISBN 978-3-86895-011-3


KOMMST DU

Jörg van den Berg, Columbus Art Foundation, 2008

Heike Kati Barath malt übergroße Bilder. 300 cm Höhe können gerade einmal für die Büste eines schwarzhaarigen Mannes reichen. Die Opulenz dieser Übergrößen trifft vielfach auf Sujets von entwaffnender Naivität und Leichtigkeit. Blonde Mädchen, trotzig, stark und verletzlich zugleich, stehen einem ebenso entgegen wie haarlose Grazien, Cousinen, Hirschmann, van Gogh, alter Mann, alte Frau, Asiate, Schwarzafrikaner, Skifahrer, Alienmädchen oder eine unheimliche Schwarze Maske. Die Bildwelten erinnern ebenso Bullerbü wie alltägliche Spießergesellschaft ebenso Horror, Science- Fiction oder Comic. Entsprechend bewegen sich die Farbpaletten der Bilder zwischen himmelblauer Kindlichkeit und schwärzester Abgründigkeit. Die Perfektion und Leichtigkeit der Malerei wird oftmals von den disproportionierten Unzulänglichkeiten der dargestellten Figur konterkariert. So wird der Betrachter zwischen grotesk-bedrohlichen Übertreibungen und der Suggestion einer bis in den Kitsch abdriftenden Kuscheltierästhetik hin und her gerissen.

Barath erzählt Geschichten, ohne erzählerisch zu sein. Ihre Figuren bewegen sich nicht, sie stehen, sie präsentieren sich, sie gehen nicht von der Stelle, prägen sich ein, stellen sich zur Schau, bauen sich auf: „Kommst du?” Es entsteht ein unausweichliches Gegenäber zwischen gemalter Figur und Betrachter, das zügig in eine nur bedingt angenehme Penetranz kippen kann. Penetrieren kann bei diesen Bildern eigentlich alles: ihre entwaffnende Naivität, die Gewöhnlichkeit ihrer Sujets, die Reduktion des innerbildlichen Angebots (zumeist auf eine Figur), die Maßlosigkeit ihrer Dimension, die gesteigerte Unmittelbarkeit ihrer Farben. Vielleicht sind es deshalb viel eher die Übersteigerungen einer Comic-Ästhetik oder noch mehr die cineastischen Bildwelten der übertrieben großen Kinoleinwände, aus denen sich diese Malereien ableiten ließen, an die diese Malereien erinnern können. Prinzessin Mononoke gehört ebenso dazu wie die Mutanten aus X-Men.

Die figurativen Bildwelten von Heike Kati Barath können ins Psychodelische kippen. „Welche Sorte ich?” fragt einmal Winnie the Pooh, der wohl intelligenteste Teddybär, dem man in der Kinderbuchliteratur begegnen kann. Die Frage hilft, wenn man sich dabei ertappen sollte, im Gegenüber der Barathschen Bilder das Ich der Künstlerin erfragen zu wollen. Es sind Bilder, die durchaus nach einem Ich fragen, die aber den Betrachter zu keinem Zeitpunkt mit einer privatistischen Nabelschau konfrontieren. Das „wer bin ich” weitet sich deshalb noch lange nicht zu einem unverbindlichen „wer sind wir”. Eher mag man an einen der wunderbar lapidaren Sätze von Philip Guston – ohne Frage eine der zentralen Referenzen aus der Geschichte der neueren Kunst für Baraths Malerei – denken, der 1980 kurz vor seinem Tod in einem Interview gesagt hat: „I want to be a stranger to myself.”

Das Lächeln und das Grauen treffen in diesen Bildern in ungebremster Direktheit aufeinander, ohne dass man sich entscheiden müsste. Es kann passieren, dass man sein inneres Schmunzeln nicht verliert, obwohl man gleichzeitig die medialen Bilder des gesellschaftlichen Alltagshorrors in aller Nachhaltigkeit erinnert. Nicht nur in dieser Hinsicht sind Baraths Bilder von einer einzigartigen entblößenden Kraft.

 

TEXT ZUR AUSSTELLUNG DER COLUMBUS ART FOUNDATION IN LEIPZIG 2008